Daniela Birzer; Gondeln; Photographik; Kirschpanda
Daniela Birzer: Gondeln

Im Mittelpunkt der Photographiken von Daniela Birzer und Jens Hirsch steht die Vielschichtigkeit, wobei an die Stelle des in der digitalen Fotokunst verbreiteten „Nebeneinander“ von Motiven ein komplexes Durchdringen übereinander liegender Bildschichten tritt. Trotz der alle Lebens- und Schaffensbereiche umfassenden Digitalisierung dominieren in Galerien noch immer Bilder, Skulpturen oder Fotos die Ausstellungsfläche. Die Digitalisierung mag die Entstehung von Fotos revolutioniert haben, aber abgesehen von der Nachbearbeitung einzelner Fotos wird die neue Vielfalt an Möglichkeiten erst in Ansätzen ausgenutzt.

Die Kreation einer Photographik setzt einen ausreichend großen Fundus an Fotos voraus, die wie die Farben in der Palette eines Malers eingesetzt werden und aus unterschiedlichsten Motiven neue visuelle Wirklichkeiten  entstehen lassen. Die ubiquitäre Verbreitung der Digitalfotografie ermöglicht es dem Künstler, seine Umwelt, sei es Natur, Stadt oder Alltagsgegenstand, jederzeit zu einem potentiellen Bestandteil seines künstlerischen Schaffens zu machen. Die fotografierte Umwelt dient in einer Photographik nicht nur als Vorlage oder Inspiration sondern fließt direkt in das Kunstwerk ein und mischt sich dort mit anderen Abbildern der Realität oder rein digitalen, grafischen Erzeugnissen. Eine endlose Fülle von Material wartet also überall auf seine kreative Verarbeitung. Anstelle einer Einschränkung bedeutet die Verwendung von Fotos als Ausgansmaterial damit eher eine Bereicherung der Möglichkeiten grafischen Ausdrucks. Die unbegrenzte Vielfalt von Motiven in einem einzigen Bild erlaubt völlig neue Ausdruckmöglichkeiten und lässt die Grenzen zwischen Mikro- und Makroebene in den einzelnen „Zutaten“ eines Bilds verwischen.

 

 

Jens Hirsch; Fernsehturm Regensburg; Photographik; Kirschpanda
Jens Hirsch: Fernsehturm Regensburg

Die Wahl eines Ausgangsfotos bestimmt häufig die Grundstimmung einer ganzen Komposition,  oder verbleibt manchmal auch nur als kaum mehr erkennbare Spur im Hintergrund. Eine Photographik erschließt sich deshalb meist nicht auf den ersten Blick und jeder Betrachter erlebt sie entsprechend seiner visuellen Prägung auf ganz eigene Art. Die nähere Betrachtung eines Bildes eröffnet dabei oft völlig neue Sichtweisen. Während sich einzelne Komponenten sofort aufdrängen, bleiben andere im Hintergrund zurück und wollen entdeckt werden. Eben diese Feinheiten formen den Charakter eines jeden Bildes, dessen Verständnis neben Zeit vor allem viel Phantasie beim Betrachter verlangt. Die Bilder von  Daniela Birzer und Jens Hirsch entstehen dabei nicht auf der Grundlage einer wie auch immer gearteten Botschaft, sondern lassen viel Raum für eigene Interpretationen und können eher als Ausdruck einer mehr von Gefühl denn von Vernunft geleiteten Stimmung betrachtet werden. Der Betrachter kann lediglich versuchen, sich dem Bild anzunähern, um seine Komposition zu verstehen oder sich den Eindrücken hingeben und unter Umständen ähnliche Gefühle empfinden, wie sie auch bei der Entstehung der Bilder ausgelöst wurden.

 

 

Einerseits wird die von einem Foto aufgefangene visuelle Realität durch die Überlagerung einer Vielzahl von Ebenen stark abstrahiert oder sogar zerstört, andererseits entstehen dabei häufig auch neue, ungeahnte Strukturen. Es ist also sowohl möglich etwas zu schaffen, dass dem Betrachter sehr vertraut erscheint, obwohl es aus völlig wesensfremden Elementen besteht, als auch das Foto eines vertrauten Gegenstands zu verwenden und bis zur Unkenntlichkeit zu dekonstruieren, indem beispielsweise nur kleine Teile seiner Farbstruktur in das endgültige Werk Eingang finden.

 

Daniela Birzer; Resolution; Kirschpanda; Photographik
Daniela Birzer: Resolution

Der Schaffensprozess einer Photographik vollzieht sich als laufende Dekonstruktion und Reorganisation von Farben und Helligkeit, durch Prozesse die zum Teil bereits in der analogen Bildverarbeitung gebräuchlich waren, zum Teil aber auch erst durch die Digitalisierung möglich geworden sind. Helligkeitsstrukturen können dabei zu Farbmustern transformiert werden und umgekehrt, wobei das Verhalten der verwendeten grafischen Filter nicht immer vorhersehbar ist. In der Photographik gilt es daher genau wie beispielsweise in Gerhard Richters abstrakten Bildern, den Einfluss des Zufalls zu akzeptieren und ihn vielmehr im Sinne eines laufenden grafischen Experiments für seine Ziele einzusetzen. Als „fertig“ kann ein auf diese Art und Weise entstandenes Bild letztlich nie angesehen werden, denn stets besteht die Möglichkeit, durch das Hinzufügen weiterer Ebenen auf oder sogar zwischen die bestehenden Schichten das Gesamtbild mitunter in eine völlig neue Richtung zu lenken.